Der in Wuppertal und Berlin lebende Musiker, Multiinstrumentalist und Improvisator Fabian Neubauer wird mit dem „Kathrin-Preis / Kathrin Lemke Scholarship for Young Jazz Improvisers 2027“ ausgezeichnet. Der Preis ist nach der 2016 im Alter von 44 Jahren verstorbenen Berliner Jazzsaxophonistin Kathrin Lemke benannt, die am 27. September 1971 in Heidelberg geboren wurde.
Gemeinsam mit Kathrin Lemkes Mutter Irene Lemke-Stein, der Mannheimer DESTAG-Stiftung, dem Internetportal Jazzpages und der Zeitschrift JAZZTHETIK stiftet das Jazzinstitut Darmstadt die Auszeichnung, die alle zwei Jahre in Form einer vollfinanzierten, einwöchigen Werkstattphase in Darmstadt gewährt wird.
Bisherige Preisträger waren der Perkussionist Joss Turnbull (2019), die Saxophonistin Luise Volkmann (2021), der Kontrabassist Robert Lucaciu (2023) und die Gitarristin Steffi Narr (2025).
Die Residenzwoche mit Fabian Neubauer und seinem Projekt FIELD CONDITION findet vom 6. bis 13. Juni 2027 statt. Die offizielle Verleihung des Kathrin-Preises erfolgt am 12. Juni 2027 im Rahmen eines Konzerts in Darmstadt.
Neben Fabian Neubauer waren Clara Däubler aus Hannover, Vojta Drnek aus Berlin, Svetlana Marinchenko aus Berlin, Fama M’Boup aus Berlin, Camila Nebbia aus Berlin, Julia Sanjurjo aus Köln und Ludwig Wandinger aus Berlin für den Kathrin-Preis 2027 nominiert.
Jury-Begründung Kathrin-Preis 2027
Die Jury würdigt Fabian Neubauer für seine künstlerische Eigenständigkeit, sein kuratorisches Engagement, die Vielfalt seines bisherigen Schaffens und seine Offenheit gegenüber unterschiedlichen musikalischen und performativen Zusammenhängen.
Neubauer verfolgt seine künstlerischen Vorstellungen sowohl in Solo-Performances als auch in kollaborativen Zusammenhängen. Die Jury hebt dabei seine Fähigkeit hervor, mit vergleichsweise kleinen Interventionen musikalische Atmosphären zu verändern und Räume neu zu erschließen.
Sein Projekt FIELD CONDITION verbindet instrumentale, elektronische, improvisatorische und algorithmische Elemente. Von besonderem Interesse ist für die Jury dabei Neubauers Ansatz, die musikalische Praxis der beteiligten Musiker zum Ausgangspunkt der Komposition und Improvisation zu machen und damit an historische Formen des Jazz als kollektive und zugleich individuelle Musik anzuknüpfen.
Unter den für den Kathrin-Preis 2027 eingereichten Projektvorschlägen überzeugte FIELD CONDITION insbesondere durch seine Vielschichtigkeit und seinen methodischen Ansatz. Auch Neubauers Plan, während der Residenz mit dem Archiv des Jazzinstituts Darmstadt zu arbeiten und seine Ideen im Austausch mit der Jazzgeschichte weiterzuentwickeln, knüpft an den künstlerischen Anspruch der Namensgeberin Kathrin Lemke an.
Informationen zum geplanten Projekt von Fabian Neubauer: Musikalischer Umgang mit besonderen Bedingungen in freier Umgebung
„Ich verstehe Jazz weniger als Stilbegriff denn als Bewegung, die Räume für Eigenständigkeit innerhalb kollektiver Zusammenhänge eröffnet. Seine Relevanz liegt für mich in seiner Fähigkeit, bestehende Konventionen zu hinterfragen und neue musikalische Formen aus unterschiedlichen Einflüssen entstehen zu lassen.“
So beschreibt Fabian Neubauer seine Auffassung von Jazz. Für seine Residenz im Rahmen des Kathrin-Preises 2027 entwickelt er unter dem Titel FIELD CONDITION ein Projekt, in dem individuelle Entscheidungen und eigendynamische Prozesse gleichberechtigte Bestandteile des musikalischen Geschehens werden sollen.
Ausgangspunkt ist ein Verständnis von Jazz als lebendige Praxis, in der musikalische und soziale Ordnungen nicht als unveränderlich vorausgesetzt, sondern immer wieder neu ausgehandelt werden. Improvisation bedeutet in diesem Zusammenhang nicht allein spontane musikalische Gestaltung. Auch elektronische Prozesse, algorithmische Systeme, mechanische Abläufe, kontinuierlich aktive Klangquellen und körperlich geprägte Spielweisen können zu eigenständigen Kräften innerhalb der Musik werden.
Ein Ensemble mit ungewöhnlicher Instrumentierung
Für FIELD CONDITION stellt Fabian Neubauer ein Ensemble zusammen, dessen Instrumentierung klassische Musikinstrumente mit Elektronik, digitalen Medien, Field Recordings und klangerzeugenden Objekten verbindet.
Carina Khorkhordina spielt Trompete. Este Kirchhoff bringt Mundharmonika, Pure Data, E-Gitarre, Banjo und Elektronik ein. Matthias Kaiser arbeitet mit präparierter und verstärkter Violine, Hanna Schörken mit Stimme. Shuoxin Tan setzt SuperCollider und Objekte ein, Bastian Buddenbrock digitale Medien, Drucker, Sprache und Performance. Jun-Y Ciao spielt Saxophon und weitere Rohrblattinstrumente. Fabian Neubauer selbst arbeitet mit Elektronik, Field Recordings, Live-Sampling und Objekten.
Entscheidend für diese Besetzung ist weniger ein traditionelles Klangideal als die jeweilige performative Praxis der Beteiligten. Erweiterte Spieltechniken und elektronische Prozesse sollen Situationen ermöglichen, in denen Unabwägbarkeit und ein bewusst zugelassener Kontrollverlust Teil des musikalischen Geschehens werden.
„Ich möchte mithilfe von Spielanordnungen, verbalem Austausch und Skizzen Situationen erzeugen, in denen Zufall, Abweichung und Gestus wirksam werden. Mich interessiert dabei nicht das Ausführen festgelegter Abläufe, sondern das Aushandeln zwischen Individualität und kollektivem Zusammenhang. Zentral bleibt dabei eine unmittelbare, körperliche musikalische Praxis.“
Experimentelle Praxis als Teil der Methode Jazz
Die experimentellen Verfahren von FIELD CONDITION versteht Neubauer ausdrücklich als Teil einer Jazztradition. Im Mittelpunkt steht für ihn die Frage, wie individuelle Spielräume und gemeinsames Handeln miteinander verbunden werden können, ohne dass eines dem anderen untergeordnet wird.
Das Ensemble soll deshalb nicht nach einer starren Rollenverteilung funktionieren. Stattdessen entsteht ein offener Zusammenhang, in dem die beteiligten Musiker, technische Systeme und klangerzeugenden Prozesse aufeinander reagieren. Individualität und kollektives Handeln stehen dabei nicht als Gegensätze nebeneinander, sondern beeinflussen sich gegenseitig.
Während der Darmstädter Residenz wird auch das Archiv des Jazzinstituts zum Bestandteil der Arbeit. Neubauer möchte dort die Geschichte des Jazz und ihre heutige Bedeutung untersuchen und die Recherche mit der musikalischen Arbeit des Ensembles verbinden. FIELD CONDITION bewegt sich damit zwischen historischer Auseinandersetzung, aktueller experimenteller Praxis und der konkreten Arbeit an einer neuen Musik.
Termin
Fabian Neubauer wird vom 6. bis 13. Juni 2027 in Darmstadt an FIELD CONDITION arbeiten. Am Samstag, dem 12. Juni 2027, wird er bei einem Konzert in Darmstadt offiziell den Kathrin-Preis 2027 entgegennehmen.
Fabian Neubauer
Schlagzeug, Piano, Improvisation und Komposition
Fabian Neubauer, geboren 1994, ist Musiker, Multiinstrumentalist und Improvisator. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von experimenteller Musik, Free Jazz, Noise, elektroakustischer Musik, Performancekunst und interdisziplinären Formen.
Er arbeitet mit akustischen und elektronischen Klangquellen. Zu seinem Instrumentarium gehören unter anderem Klavier, Schlagzeug, Gitarre, Perkussion, Field Recordings, Samples und elektronische Feedbacksysteme. Je nach musikalischem Zusammenhang entstehen daraus unterschiedliche Setups. Seine Arbeit bewegt sich zwischen freier Improvisation und konzeptuellen Ansätzen.
Neubauer versteht Musik weniger als abgeschlossenes Werk denn als prozesshafte Form. Zufall, spontan entstehende Strukturen und das Zusammenspiel klanglicher und performativer Elemente haben dabei eine zentrale Bedeutung. Seine Musik lässt sich entsprechend nur schwer einer einzelnen Stilrichtung zuordnen und reicht von neuer Improvisationsmusik über Noise bis zu elektroakustischer Klangkunst.
Er arbeitete unter anderem mit Elliott Sharp, John Edwards, Caroline Kraabel, Kazuhisa Uchihashi, Korhan Erel, Kevin Shea, Hans Tammen, Mats Gustafsson, Le Quan Ninh, Michael Zerang, Phil Niblock, Gunda Gottschalk, Sebastian Gramss und Jan Klare zusammen.
Neubauer tritt solistisch und in Ensembles auf und arbeitet außerdem mit Künstlern aus Tanz und Bildender Kunst. Er war unter anderem beim Moers Festival und beim JOE Festival zu hören sowie in der Kölner Philharmonie, beim Fusion Festival, in Istanbul, Tokio und Palermo.
Für Tanz- und Theaterproduktionen entwickelte er Musik unter anderem für SZENE2WEI, das POUR Ensemble, das Folkwang Tanzstudio und Chikako Kaido. Veröffentlichungen erschienen bei Labels wie Leo Records, Mount Wobble und Staatsakt.
Zu seinen weiteren Projekten und Ensembles gehören [e:ga’l], KNYNS, Nasssau, der Weise Panda, The Dorf, das Wuppertaler Improvisationsorchester, das London Improvisers Orchestra und GLIS GLIS. Außerdem ist Neubauer Organist der Psychedelic-Folk-Band The Düsseldorf Düsterboys.
Er studierte an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Neben seiner eigenen musikalischen Arbeit ist er auch als Kurator tätig. Gemeinsam mit Bastian Buddenbrock gestaltet er das Programm des unabhängigen Projektraums Solips in Wuppertal-Vohwinkel. Außerdem kuratiert er die Reihe „Off-Grid“ im ORT in Wuppertal mit Schwerpunkt auf experimenteller und improvisierter Musik.
